Die Hexe

(2021)

Sie war unser Boss, unsere Vertraute und der Fels in der Brandung. Jetzt ist sie nur noch ein eiskaltes Monster …

Sollte das wirklich möglich sein? Ist Ben zum ersten Mal der Sieger, hat er den Wettbewerb gegen Jenny, gegen seine Chefin, etwa gewonnen? Gemeinsam mit dem ganzen Team steht er bereit und wartet, in der Hand ein Glas Champagner und ein freudiges, stolzes Lächeln im Gesicht. Wann betritt sie endlich die neue Europol-Zweigstelle?

Doch bereits nach wenigen Minuten verwandelt sich die Freude in Sorge, bis zum Schluss nur noch die blanke Panik bleibt. Wo ist sie? Auf dem Parkplatz am Lokal, wo sie vor einigen Stunden noch viele Verbrecher festgesetzt hatten, steht nur noch ihr Auto. Es ist nicht verschlossen, Jennys Handtasche und ihr Handy liegen darin. Doch wo ist sie? Wurde sie entführt? Von wem? Lebt sie überhaupt noch?

Nach einigen Tagen der ergebnislosen Suche verlassen die fünf Mitglieder des erfolgreichsten Teams von Europol die Hauptstadt und fahren zurück in ihre Zentrale, in einen ehemaligen Militärstützpunkt nach Niedersachsen. Ihre Chefin haben sie bis jetzt nicht gefunden, auch nicht ihre Leiche. Sie werden weitersuchen …

Doch dazu wird es nicht kommen, denn plötzlich steht Lukas Schnelle vor ihnen, ein führender Mitarbeiter des BND. Der verliest kurzerhand, wessen sie beschuldigt werden und sie landen in ihrem eigenen Gefängnis, welches sie selbst ausbruchsicher gemacht hatten. Die Vorwürfe gegen sie sind grotesk, neben der Bildung einer kriminellen Vereinigung wird ihnen mehrfacher Mord vorgeworfen, selbst das Wort Terrorismus taucht auf. Nach endlosen, harten Verhören, in denen man ihnen nichts nachweisen kann, dürfen sie mit Einschränkungen weiter ermitteln. Um aber endgültig ihre Unschuld zu beweisen, müssen sie ihre ehemalige Chefin aufspüren, die laut Ansicht des BND der Kopf einer der größten, kriminellen Organisationen ist.

Sie machen sich auf die Suche, aber ihr eigentliches Ansinnen ist, die unglaubliche Geschichte des BND zu entkräften. Doch sie finden nur Beweise, die deren Behauptungen unterstützen. Mit wem haben sie die letzten Jahre zusammengearbeitet? Mit einem Monster? Haben sie ihr unbewusst geholfen, den Markt zu säubern, lästige Konkurrenz auszuschalten, damit sie jetzt mit der neuen Wunderdroge den Markt beherrscht? Sie sind ihr so dicht auf den Fersen, das ihnen bei einer Explosion die Ziegelsteine um die Ohren fliegen. Das ist eine Warnung an das Team. Jenny Hansen, ihre ehemalige Chefin, vernichtet nicht nur alle Beweise, sie tötet auch die Menschen, die ihr bis jetzt bei ihren kriminellen Machenschaften geholfen haben. Doch das Team hängt ihr an den Fersen … Dann werden sie plötzlich abgezogen, da sie die Nächsten auf der Abschussliste sind und einer Jenny Hansen keine Fehler passieren, sie immer ins Schwarze trifft. Das soll mithilfe eines einfachen, aber wirkungsvollen Tricks verhindert werden. Bevor sie alle ihre neuen Posten antreten, getrennt voneinander und weit verstreut, fahren sie noch einige Tage gemeinsam weg. Undercover, ohne Handy und jeder auf einem anderen Weg, landen sie in Polen, in einem schönen Hotel mit einer riesigen Kartbahn. Erst dort vergessen sie, wenigstens für einige Stunden, die Dinge, die ihr Leben so dramatisch verändert haben.

Doch ihre Pläne, aus der Schusslinie zu kommen, werden sie nicht verwirklichen. Denn jetzt sie sind einer gemeinen, eiskalten Verschwörung auf der Spur …

Leseprobe:
Ben lief, wie von der Tarantel gestochen, aus der zukünftigen Europol-Zweigstelle direkt zu einem ihrer BMW. Paul folgte ihm unmittelbar auf dem Fuß und hechtete sich auf den Beifahrersitz. Die beiden Mädels, Sarah und Marie, waren dicht hinter ihnen und saßen im zweiten BMW, als sie durch die Stadt zurück auf den Parkplatz am Lokal rauschten. Allen stand der absolute Schock ins Gesicht geschrieben. Etwas war passiert, mit dem niemand gerechnet hatte … Gerade eben noch haben sie eine verbrecherische Familie verhaftet, die nicht nur sprichwörtlich über Leichen ging. Sie haben die Korruption in den Reihen der Polizei und des Berliner Senats aufgedeckt, Araber-Clans in die Knie gezwungen und das Land vor einer neuen Droge gerettet. Doch genau in diesem Moment bricht ihre eigene Welt vollkommen auseinander. Die einzig feste Größe in ihrem Leben, die Person, auf die sie sich zu einhundert Prozent verlassen können, die für sie durchs Feuer geht oder die Kastanien rausholt, war plötzlich verschwunden. Eines wussten sie genau, unter keinen Umständen hätte Jenny die Wettfahrt mit Ben verpasst.

Im Hangar war man zusammengekommen und saß am Tisch. Vor ihnen lagen die Pizzen, aber so recht schien keiner Appetit zu haben. „Ich verstehe es nicht“, sagte Sarah. „Wieso finden wir sie nicht und warum, verdammt noch mal, stellen die keine Forderungen? Lebt sie überhaupt noch?“ „Sicher“, meinte Ben, „sonst hätten wir ihre Leiche schon präsentiert bekommen.“ „Das sollen die sich ja nicht wagen, die bringe ich eigenhändig um“, schimpfte Sarah. „Dann wäre es das für uns“, sagte Marie. „Ihr denkt an das Notfallprotokoll?“ „Es gibt ein Notfallprotokoll, wenn ich jemanden töte?“, fragte Sarah ganz konsterniert. Erst, als sie die Blicke aller sah, kam ihr Gehirn zurück. „Oh, das meintest du.“ „Nein“, sagte dann Ben kopfschüttelnd, „das gilt bestimmt nicht für mich. Wenn man ihre Leiche findet, lasse ich mich sicher nicht freiwillig ans Ende der Welt verfrachten. Eher verschwinde ich im Untergrund.“ „Ich glaube, dann wären fünf im Untergrund“, sagte Paul grinsend. „Doch mal im Ernst, wie geht es weiter?“ „Die groß angelegte Ringfahndung habe ich beendet. Sie könnten mit Jenny mittlerweile sonst wo sein, selbst in Argentinien“, meinte Ben. „Es wird über kurz oder lang darauf hinauslaufen, dass sie als vermisst gilt.“ „Was passiert dann mit uns?“, fragte Sarah.

Lukas Schnelle wusste, dass der Anruf nichts Gutes bedeutete. Er wurde gebeten, sofort nach Wustermark in die Rosa-Luxemburg-Allee 70 zu einem Treffen zu kommen. Doch das war kein Treffen, das war eher ein Rapport, vielleicht sogar eine Abrechnung … Das ehemalige Olympische Dorf war mittlerweile zu einem Besuchsmagneten für Touristen geworden. Es fanden Führungen statt, die über die großzügige und eindrucksvolle Anlage berichteten, von der visionären Planung, der Nutzung während der Spiele und den heutigen Gewissenskonflikten. Mittlerweile zählte das Gelände zu den Premiumobjekten des nationalen Städtebaus der BRD. Findige Investoren und Kapitalanleger witterten ihre große Chance … Sie warteten bereits in dem kleinen Konferenzraum auf ihn, tief unter der Erde und versteckt vor den Augen der Gaffer und zukünftigen Bauherren. Er kannte sie alle, die da am Tisch saßen, einen Kaffee tranken und leise miteinander redeten. Neben seinem unmittelbaren Vorgesetzten Leopold Klemm saßen da drei weitere Herren, die in der Hierarchie weit, ganz weit oben standen. Das verhieß nichts Gutes. „Setz dich, Lukas, und erzähle uns, wie das passieren konnte. Wie hat sie von Sárvár erfahren?“ „Das wissen wir nicht“, antwortete er, nachdem er der Aufforderung gefolgt war und einen kleinen Schluck des köstlichen Kaffees getrunken hatte. Lukas Schnelle wusste, wie das jetzt ablaufen würde. Klemm stellte ihm die Fragen, während die anderen nur still danebensaßen. Sie beobachteten ihn und werteten im Anschluss seine Antworten aus. Dann fällten sie eine Entscheidung. Bis jetzt gab es keinen, der karrieretechnisch gesehen dieses Treffen überlebt hatte. Einige fehlten gar physisch nach solch einer Zusammenkunft.




Über die Autorin

Senta Meyer

Senta Meyer wurde in Halle an der Saale geboren.

Sie war schon als kleines Kind sportlich aktiv, trainierte Turnen und Wasserspringen und ging dann ab der 5. Klasse auf die dortige Sportschule.

Nach dem Abitur und einem praktischen Pflichtjahr studierte sie in Berlin Medizin. Doch bereits gegen Ende des 2. Jahres verwehrte man ihr die Fortsetzung, ohne dass sie die Gründe dafür erfuhr. Sie wurde in ihrer neuen Wahlheimat Trainerin und machte sich nach der Wende selbstständig. Erst vor wenigen Jahren erfuhr sie die wahren Hintergründe, die dazu führten, dass ihr Studium so abrupt endete und ihrem Leben eine andere Richtung aufdiktierte.

Heute lebt die Autorin mit ihrem Mann und zwei lieben, verrückten Hunden in Mecklenburg/ Vorpommern.