Als ich aufhörte zu funktionieren

(demnächst)

Meine Mutter verlor ihren Kampf gegen den Krebs. Jetzt habe ich ihn. Doch wenn ich ihn besiege, bin ich dann wirklich gesund?

Anna S., eine 46-jährige, aktive Violinpädagogin, freischaffende Musikerin und Vollblut-Mama zweier halbwüchsiger Kinder, wird eines Tages erbarmungslos aus ihrem gewohnten, vermeintlich gut getakteten Leben gerissen. Sie erkrankt plötzlich an annähernd derselben Krebs-Art wie einst ihre über alles geliebte Mutter. Diese war ein paar Jahre zuvor innerhalb von vier Monaten an der heimtückischen Krankheit gestorben. Der Schock über ihr grausames Schicksal sitzt tief, bei der Protagonistin selbst, aber auch bei der gesamten Großfamilie. Doch ihr trügerischer Plan, die kräfteraubenden Chemotherapien so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, funktioniert nicht. Denn das Leben hat ganz anderes im Sinn …

Trotz baldiger medizinischer Genesung und bester Prognose fällt Anna aufgrund ihrer erlittenen Traumata zusehends in eine schwere Angststörung und Depression. Mehr und mehr wird ihr bewusst, dass das jedem von uns und aus den verschiedensten Gründen passieren kann. Nun gilt es zu lernen, diese Lebenskrise zu bewältigen und zu einem gewissen Grad auch zu akzeptieren. In einem turbulenten Lernprozess, durch den ihr enger Familienkreis einschließlich der Hauptperson unweigerlich gehen muss, realisiert sie es trotz ihrer psychischen Probleme: Das Leben ist zwar unberechenbar, aber eben auch wundervoll und einzigartig. Was Anna bei dieser alles verändernden Erkenntnis hilft, sind das Meditieren in Form von Flashbacks, die sie in unterhaltsame Ereignisse und Stationen aus ihrer Vergangenheit führen. Hilfreich und inspirierend sind auch die Begegnungen mit vielen originellen Menschen und deren Sicht- und Denkweisen, die sie sonst wahrscheinlich nie kennengelernt hätte. Dazu gehören die unterschiedlichen Therapien der Naturheilkunde, die professionelle psychologische Unterstützung, Annas aufkeimende Liebe zur Natur und den Menschen, ihre neuentdeckte Spiritualität und ihr unerschütterlicher Glaube an die Hoffnung. Durch all diese Bekanntschaften und Entwicklungen gelingt es Anna letztendlich, ihren eigenen Weg zu finden.

Dieses unkonventionell geschriebene Buch basiert auf einer authentischen, faszinierenden und teilweise schockierenden Erfahrung. Es unterhält, geht unter die Haut und bietet gleichzeitig konkrete Hilfestellungen und wertvolle Tipps für mehr Lebensfreude und Lebensenergie, nicht nur kranken Menschen …

Leseprobe:
Einige Zeit später und bemüht, keine dummen Gedanken mehr aufkommen zu lassen, betrete ich nach kurzer Wartezeit das Ordinationszimmer meiner Hausärztin. Unbekümmert zeige ich ihr meine kleine Geschwulst. Sie kennt bereits seit Jahren die tragische Krankengeschichte meiner Mama. Nie werde ich ihr erschrockenes Gesicht nach dem Abtasten meines steinharten Knubbels vergessen. Nach einem kurzen Bluttest, der komischerweise kein auffälliges Ergebnis bringt, halte ich sie in der Hand. Die Überweisung zur weiteren Abklärung im Spital. Und das bitte möglichst zeitnah … In einem mechanischen und beinahe ferngesteuerten Zustand, den ich in naher Zukunft noch öfter kennenlernen werde, fahre ich gleich weiter ins Krankenhaus. Zu einem klaren Gedanken bin ich jetzt schon nicht mehr fähig.

„Noch irgendwelche spezielle Fragen, Frau Schönberg?“ Ich weiß nicht genau, was ich jetzt antworten soll. Die Wahrheit ist, dass es mich irgendwie beruhigt, ihn noch einmal zu sehen. Ihn, den für mich und meine Behandlung zuständigen und verantwortlichen Spezialisten und doch völlig fremden Menschen. Irgendwie Herrscher über Leben und Tod, zumindest in meinem Fall. „Habe ich Chancen und werde ich wieder gesund?“, frage ich nach einigem Zögern mutig und zaghaft zugleich. „Wissen Sie, Frau Schönberg, schauen wir der Realität ins Gesicht, ganz ohne Umschweife und ungeschminkt. Ohne entsprechende Behandlung wären sie vermutlich binnen weniger Monate tot. Allerdings habe ich Ihnen schon ein paar Mal versichert, dass es in Ihrem Fall aus verschiedenen Gründen gut ausschaut. Vor allem, da wir, respektive Sie, Ihre Krankheit bereits in einem frühen Stadium entdeckt haben. Vorausgesetzt, Sie vertragen die zugegebenermaßen harte Therapie. Wovon ich einmal ausgehe. Sie sind ja noch jung.“ Na ja, jung hat mich nun wirklich schon lange niemand mehr genannt. Ich bin beinahe etwas geschmeichelt, zumindest aber amüsiert. „Und glauben Sie mir, das kann ich bei Weitem nicht zu jedem Patienten auf dieser Station sagen. Doch ich kann Ihre Ängste natürlich verstehen. Schließlich sind Sie zum ersten Mal in Ihrem Leben mit Ihrer eigenen Endlichkeit konfrontiert“, fährt er fort. Ja, das ist es, denke ich mir sofort, mit meiner eigenen Endlichkeit konfrontiert …

Eine Woche nach Abschluss der Therapie falle ich, trotz meiner guten Vorsätze, abermals in ein tiefes, düsteres Loch. Es ist eher ein kratermäßiger Abgrund … Morgens beim Blick in den Spiegel schaut mir eine bleiche, mir erschreckend fremde Person entgegen. Eine Frau mit kurzen, dunkelgrau melierten Haarstoppeln. Eine, die ich nicht kenne. Nein, das bin nicht ich. Unmöglich. Außerdem ist da erneut eine Furcht in mir, eine Art Todesangst, die mich seit Tagen begleitet und quält. Sicher schlummert der verdammte K. in einem dunklen Versteck immer noch irgendwo in mir, ganz tief drinnen. Und er wartet nur darauf, mich erneut in die Knie zu zwingen. Ich sehe meinen psychischen Zusammenbruch zwar voraus, bin aber trotzdem unfähig, diese Entwicklung in irgendeiner Form aufzuhalten. Im Gegenteil. Die Angstspirale hält mich umschlungen wie ein Krake seine Beute. Horrorfantasien verfolgen mich auf Schritt und Tritt. Unheimliche Bilder von Verstorbenen und gruselige Bilder von Todkranken suchen mich heim. Angsteinflößende, schwarze Fratzen sitzen in meinem Kopf. Die Tränen, die sich schon den ganzen Tag direkt hinter meinen Augen verstecken, laufen am späten Nachmittag völlig unkontrolliert und in Strömen meine Wangen herunter. Und ich kann einfach nicht mehr gegensteuern … Mehrere Tage hintereinander erleide ich jeweils zwischen 16 und 17 Uhr eine heftige und verstörende Panikattacke. Ich zittere am ganzen Körper, begleitet von einem unkontrollierten Weinkrampf mit heftigem Schluchzen. Das beklemmende Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, versetzt mich in Angst und Schrecken. Ein Band schnürt sich von Sekunde zu Sekunde enger und enger um meinen Hals, dann um den gesamten Brustkorb. „Ich kann nicht mehr!“, schreie und schluchze ich, wie von Sinnen vor mich her. „Ich kann nicht mehr! Tu was, Mensch! Ich schaffe es nicht, so ein Mist …“ Ich drohe, auf der Stelle zu ersticken. Mein unkontrolliertes Ich steigert sich vollends in die beängstigende Situation hinein. Ich verspüre Todesangst.

Wenn ich heute gefragt werde, wie's mir körperlich und seelisch geht, fällt mir eine zufriedenstellende Antwort recht schwer. Das ab und zu unbekümmert sein, so wie vor einem Jahr, fehlt mir. Sehr sogar. „Es ist, wie’s ist!“, trifft mein Standardsatz wohl am ehesten zu. Wahrscheinlich genieße ich deshalb die Wunder der Natur neuerdings auf eine vollkommen andere, intensive, ja fast ehrfürchtige Art und Weise. Eine, die ich früher so nicht kannte. Das Grün erscheint mir saftiger und vielschichtiger, das Blau des Himmels kräftiger, die Sonne strahlender und hoffnungsbringender als früher. Ich lebe, mit Gottes Hilfe, also mit der des Universums. Und ich lebe gern …




Über die Autorin

Tanja Scheichl-Ebenhoch

Tanja Scheichl-Ebenhoch, geb. 1973 in Vorarlberg/Österreich, ist die jüngste Tochter einer Lehrerfamilie und absolvierte nach ihrem Abitur mehrere Studien mit Auszeichnung, darunter Musik- und Instrumentalmusikpädagogik (Erstfach Violine, Zweitfach Klavier) am Mozarteum Salzburg (mit Abschluss als Mag.art.) und Anglistik/Amerikanistik an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck. Für ihre besonderen Leistungen erhielt sie 1997 den renommierten Würdigungspreis der Republik Österreich zuerkannt. Bis zu ihrer schweren Erkrankung im Frühjahr 2019 war sie unter anderem als Assistentin am Mozarteum/Abteilung X in Innsbruck, weiters als Violinpädagogin und Ensembleleiterin an mehreren Vorarlberger Schulen und ebenso als freiberufliche Musikerin in diversen Orchestern im In- und benachbarten Ausland tätig.

Heute lebt sie als Musikpädagogin mit Mann, Kindern und Hund in Götzis, einer idyllischen 10 000 Seelen-Gemeinde im Dreiländereck im österreichischen Vorarlberg, unmittelbar an der Grenze zur Schweiz und zu Deutschland (Lindau am Bodensee).